Was hat „Hilfe“ im Business-Kontext verloren?

Hilfe. Hilfe zu erhalten ist doch immer nett. Wenn du zum Beispiel in den 5. Altbaustock ziehst und du tatsächlich deine Freundinnen und Freunde breitschlagen konntest, dir Umzugshilfe zu leisten.

Andererseits ist der Begriff Hilfe auch problematisch, wenn dabei eine Beziehungshierarchie aufgemacht wird. (Helfen Sie den armen Kindern in Afrika!) Teilweise greift man deshalb auf andere Begrifflichkeiten zurück. Statt zur Bewerbungshilfe (Ich helfe dir dabei, die Bewerbung zu schreiben) geht man jetzt zum Bewerbungscoaching (Ich coache dich, damit du deine Bewerbung selber schreiben kannst).

Hilfe im Online-Business

Wo der Begriff Hilfe ganz und gar nicht problematisch gesehen wird? Im Business-Kontext. Beziehungsweise in einer bestimmten Nische von Online-Business-Gurus und deren Lehrlingen.

Da beginnen die Insta-Bios und LinkedIn-Profiltexte mit „Ich helfe dir, …“ (darüber habe ich mich hier schonmal im Personal-Branding-Kontext aufgeregt) und beinhalten Phrasen alá „Ich will genau die Leute erreichen, die meine Hilfe brauchen.“

Im Gegensatz zu den Umzugshelfer*innen, die sich mit Verpflegung und Danksagung zufrieden stellen, ist die Hilfe der Online-Business-Gurus natürlich nicht kostenlos. Sie wollen mir nicht einfach so helfen, sondern die Hilfe erscheint hier in Form eines Coachingangebots, Onlinekurses oder Gruppenprogramms mit einem heftigen Preisschild.

Aus der altruistischen Hilfe ist ein Synonym für kostenpflichtige Angebote geworden.

Warum kommunizieren normale Businesses nicht so?

Machen wir mal ein Gedankenexperiment. Wie wäre es, wenn ganz normale Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen so kommunizieren würden?

Der Blumenladen verkauft dir nicht nur einen Strauß Blumen, sondern er hilft dir, dich nach einem Streit mit deiner Freundin zu vertragen.

Der Malermeister streicht dir nicht dein Schlafzimmer in Pantone-Trendfarbe 2013 Emerald, sondern er hilft dir, aus deiner Wohnung ein Wohlfühlparadies zu machen.

Klingt strange, oder?! Natürlich ist es im Marketing eine valide Technik, nicht nur über die Features, sondern vor allem über die Benefits zu sprechen; oder das Why über das What zu stellen (vgl. auch Start with Why von Simon Sinek)… Aber bei „normalen“ Unternehmen klingt diese Ich-helfe-dir-Schiene total befremdlich.

Ich merke erst jetzt, wo ich die Real-Life-Beispiele mal aufgeschrieben habe, was der große Unterschied ist. Bei diesen beiden Beispielen KANN das gewünschte Ergebnis eintreten. Ja, vielleicht fühle ich mich mit frische Farbe wohler in meiner Wohnung. Vielleicht verzieht mir meine Freundin eher, wenn ich ihr Blumen mitbringe. Aber es kann auch in die Hose gehen und die tollste Wandfarbe bringt nix, wenn ich mich in meiner Wohnung wegen der ätzenden Nachbarn, dem Schädlingsbefall und der Baustelle vor dem Haus nicht wohl fühlen kann.

Im Online-Business wird das Ergebnis so garantiert dargestellt.

  • „Ich helfe dir, auf magnetische Art neue Kundinnen anzuziehen“ – Nein, du verkaufst mir einen Pinterest-Kurs. Das garantiert nicht, dass ich über Pinterest wirklich neue Kundinnen finde.
  • „Ich helfe Frauen, ihre Weiblichkeit zu finden“ – Nein, du machst mit mir einen sechsteiligen Yogakurs und erzählst mir was von Yoni-Massage. Ob ich mich wirklich mit meinem Körper wohler fühle (oder was auch immer Weiblichkeit finden genau bedeuten soll) kannst du mir nicht versprechen.

Wer helfen kann, muss auch

Von klein auf wird uns eingebläut, zu helfen, wenn jemand unsere Hilfe benötigt. Damit meine ich nicht nur, jemanden im Ernstfall in die korrekte stabile Seitenlage zu bringen (der Erste-Hilfe-Kurs ist viel zu lang her), sondern auch die kleinen Dinge. Einer ortsfremden Person den Busfahrplan erklären, die Omi an der Kauflandkasse vorzulassen, den Eltern an Weihnachten den neuen Staubsaugerroboter einrichten.

Dieses Prinzip, zu helfen, wenn man kann, wird von den Online Business Gurus weitergesponnen. Da wird es zur Pflicht erklärt. Aber wir sollen nicht nur helfen, wenn wir einen Bedard sehen; sondern die Existenz unserer eigenen Talente oder Fähigkeiten verpflichtet uns schon, sie zu nutzen, um anderen Menschen zu helfen:

The World Needs That Special Gift That Only You Have

Marie Forleo

Neben „Everything is Figureoutable“ ist das wohl DER Spruch für den Marie Forleo, prominentes Mitglied der US-amerikanischen Online-Business-Szene, bekannt ist. Wow, ich habe ein special gift, und ich muss es mit der Welt teilen! Es wäre ja wohl total egoistisch wenn ich das nicht machen würde, oder? The world needs me schließlich! Stichwort: Unterlassene Hilfeleistung.

Und wie mache ich das jetzt? Wie teile ich meine Talente mit der Welt? Na, indem ich mich selbstständig mache. Wie das geht, bringt Marie mir in ihrem $2000-Onlinekurs bei. Schnapper!

Reale Gegebenheiten, zum Beispiel ob es eine Zielgruppe für das Angebot gibt, wie der Markt aussieht und ob sich das Ganze überhaupt rechnet, werden ausgeblendet, solange mit dem Mantra „du musst anderen mit deinen Talenten helfen“ die Selbstständigkeit mystifiziert und verklärt wird. Willigen Anhänger*innen dieser Botschaft wird unter Umständen ein falsches Selbstbewusstsein eingeflößt. Passt zum „du musst es nur doll genug wollen“-Hustle Porn.


Fazit: Wenn jemand „Ich helfe dir, …“ schreibt, ist das Marketingbullshitblabla. Wenn jemand „du musst mit deinen Talenten Menschen helfen“ schreibt, will er/sie dir einen Kurs über Gründung oder Marketing verkaufen. So einfach ist das. Hier werden Sie geholfen.

Diesen Blog per E-Mail abonnieren (ab und zu gibts Rants)

avatar

von

Hi! 👋 Das hier ist mein Online-Tagebuch.Wenn du auf diesen Eintrag antworten willst, schreib mir doch bei Instagram oder Twitter. Du findest mich jeweils unter @kommunikato. Du kannst den Blog via RSS oder E-Mail abonnieren.