Geschäftsmodell Bundle // too good to be true

Hey Girlboss! ???? Leg den pastellfarbenen Textmarker zur Seite und das iPhone aus der Hand. Sitzt du fest in deinem weißen Kunstleder-Bürostuhl, der total unergonomisch, aber dafür äußerst instagrammable ist? Super! Denn ich habe ein Angebot für dich aufgestöbert, das dich sonst aus dem Sessel hauen wird!

Aktuell machen deine Liebsten Business-Influencerinnen dich – natürlich total selbstlos – auf ein unwiderstehliches Angebot aufmerksam! Das „Business Bundle“ enthält jede Menge Onlinekurse zum unschlagbaren Gesamtpreis von nur 100 Dollar. Ja, $100! Das ist weniger als der Einzelpreis vieler im Bundle enthaltener Programme. Von Online-Marketing und Finanzen über Fotografie und Produktivität bis hin zum Erfolgsmindset ist alles dabei. ??? Rate, wie viele Kurse im Bundle sind. 7? 17? Nein! Gleich 70! Beziehungsweise, 70 und ein paar Zerquetschte, und drei Memberships gibt’s noch obendrauf. ?

Klingt zu gut, um wahr zu sein? Ja, fast…


Okay, jetzt mal ohne die Girlboss-Voice: Lasst uns über eine Geschäftstaktik sprechen, die nicht neu ist, auch kein Scam, aber trotzdem nicht cool. Ich spreche über Bundles, bei denen digitale Produkte zu einem Bruchteil des addierten „eigentlichen“ Preises verkauft werden. Ganz aktuell (Anfang Juni 2020) ist es das „Business Bundle“ von thebundleco.com.

Dieses Bundle enthält mehr als 70 Onlinekurse, die zusammengerechnet 19.000 US-Dollar kosten würden, und kostet nur läppische 100 Dollar. Es würde sich also schon lohnen, wenn man nur zwei oder drei der Kurse wirklich machen will. Das Angebot ist quasi ein „No-Brainer“ – wo sonst bekommt man 99,45% Rabatt?! ??

Warum Bundles problematisch sind

Das ganze Bundle und die Aufmachung schreit quasi nur „Hallo, ich bin ein verkaufspsychologischer Trick!!“. Dazu zählen die Betonung des unglaublichen Discounts, der Countdown-Timer (noch 6 Tage, 11 Stunden, 30 Minuten und 43 Sekunden!!), die Bezeichnung als Once-In-A-Lifetime Offer, die Rechenbeispiele (nur ein bisschen mehr als 1 Dollar pro Kurs!) und die Boni, die manche beteiligte Course Creator noch als Anreiz mit ins Bundle werfen. Hey, auf einen Kurs mehr oder weniger kommt es doch auch nicht mehr an, oder?! ?

Okay, dröseln wir das mal auf:

  1. Es ist definitiv keine Once-In-A-Lifetime-Opportunity. Ich bin lange genug im Business, um diverse dieser Bundles kommen und gehen gesehen zu haben.
  2. Es handelt sich um Selbstlernkurse, nicht um den Start einer Kohorte oder Live-Termine. Der Countdown-Timer ist einzig und allein ein Mittel der künstlichen Verknappung.
  3. Ich bezahle eben nicht nur nen Dollar pro Kurs, sondern muss wenn dann ja alles kaufen. Wenn ich mir meine Top 3 aussuchen und dafür nur 5 Dollar bezahlen müsste, würde ich hier doch auch nicht rummeckern!

Aber es ist doch ein Investment?!

Ja. Wenn du dich entscheidest, das Bundle zu kaufen, und nur ein oder zwei der Kurse wirklich machst und umsetzt – mehr dazu im nächsten Abschnitt – ist das Bundle wahrscheinlich sogar ein gutes Investment für dich. Also, wenn du es kaufen willst: Go for it mach es! Aber lass mich trotzdem erklären, warum ich Bundles nicht so geil finde:

Bundles als Geschäftsmodell

Ich erkläre mal, wie mutmaßlich das Business Model aussieht:

Ein Unternehmen organisiert das Bundle. Dafür fragt sie diverse Onlinekursanbieterinnen (in diesem Fall nur Frauen) an, ob sie ein digitales Produkt in den Hut schmeißen wollen. Der Fokus liegt hier auf digital. Die Auslieferung findet per E-Mail statt. Man braucht kein Lager, Verpackungsmaterial, Versandkosten. Um die Website und Auslieferung kümmert sich das Unternehmen. Die teilnehmenden Onlinekursanbieterinnen erstellen Zugänge (z.B. Rabattcodes) für die Käuferinnen. Es wird ein Affiliate-System eingerichtet. Sprich, jede Anbieterin erhält einen individuellen Link, mit dem gemessen wird, wie viele Verkäufe dank ihr zustande kommen. Für diese Verkäufe bekommt sie eine Provision. (Manche der beteiligten Girlbosses bieten als zusätzlichen Anreiz Bonus-Inhalte an, wenn man über ihren Link kauft.) Um die Promotion besonders effektiv zu machen, gibt es einen gemeinsamen Zeitplan (ab wann darf man das Bundle anteasern? Wann startet die Promo-Phase?) und Grafiken und/oder Textbausteine.

(Hinweis: Ich bin nicht in einem solchen Bundle beteiligt, ich kann mir das nur von außen zusammenreimen und daher auch nur schätzen, wie hoch z.B. die Affiliate-Vergütung pro Sale ist.)

Für die beteiligten Anbieterinnen klingt das doch nach einem guten Job: Sie bieten ihrer Audience ein „unschlagbares“ Angebot an und verdienen pro Verkauf. Easy money, win-win?!

Sind solche Angebote ethisch vertretbar?

Jetzt komme ich richtig ins Meckern. Mir fallen nämlich diverse Gründe ein, warum ich diese Bundles der Audience gegenüber nicht aufrichtig finde. Ja, wenn man nur die finanzielle Seite betrachtet, sind die Bundles ein Megadeal. Das ist richtig. Aber es gehört ja noch mehr dazu…

  • Die Käuferinnen werden eh nie alle Kurse machen. Aus Zeitgründen oder weil das Thema schlichtweg nicht relevant ist. Somit sind diese „nur etwas mehr als $1 pro Kurs!“-Sprüche schonmal hinfällig.
  • Die Kurse und die zugehören Werbetexte geben den Käuferinnen das Gefühl, jeden einzelnen Kurs zu brauchen. Oh, ein Mindset-Kurs, der mir mehr Erfolg verspricht! Oh, LinkedIn soll ja sooo wichtig sein. Und anscheinend sollte ich dringend meine Homepage überarbeiten!!
  • Dutzende Kurse zu besuchen lenken die Käuferinnen vom Machen ab. Stichwort Shiny Object Syndrom. Stichwort „Oh, ich muss erst noch mehr lernen, bevor ich das machen kann“-Syndrom.
Ich habe euch netterweise mal eine To-Do-Liste erstellt, um zu visualisieren, wie verdammt viele Kurse das sind!
  • Das Bundle wird in der Verkaufstexten über den Klee gelobt und jedem angedreht. Du bist noch in der Dreamer-Phase? Kein Problem! Du bist schon CEO? Auch für dich ist was dabei!
  • Die Kurse oder Produkte haben zum Teil absolute Mondpreise. Ein E-Book übers Podcasten für 200 Dollar?! Come on! Da werden der vermeintliche Preis und die daraus folgende Ersparnis künstlich in die Höhe getrieben.
  • Ja, man könnte die Kurse liegen lassen und sich zum Beispiel vornehmen, jede Woche oder jeden Monat einen Kurs zu machen. Ob der LinkedIn-Kurs in einem halben Jahr noch aktuell ist? (Und wie es generell um die Qualität steht?) Man weiß es nicht.
  • Contra-Argument #1: Die Kurse sind Einstiegsprodukte, um neue Leute in die E-Mail-Liste oder Community zu kriegen.

Lass mich den letzten Punkt noch ausführen:

Dem Werbetext zufolge (s. Screenshot) bekommt man nach dem Kauf des Bundles Coupon Codes, also Gutscheincodes, die man dann auf der Kursseite der jeweiligen Anbieterin einlösen kann, um sich in den Kurs einzuschreiben. Das bedeutet, dass die 70+ Kurse nicht auf einer Plattform liegen, sondern man sich dutzende neue Accounts für die Websites der Anbieterinnen oder deren Software (Teachable, Kajabi und wie sie nicht alle heißen) anlegen muss. Und diese Accounts sind hundert pro auch mit den E-Mail-Listen der Anbieterinnen verknüpft, und das bedeutet wiederum… Welcome to the Funnel! shananana ??

Tja, also wenn ihr euch gefragt habt, warum es für eine Kursanbieterin lukrativ sein kann, ihren normalerweise 497 Dollar teuren Onlinekurs in einem Bundle für – ja, wir haben es jetzt oft genug durchgerechnet – nur etwas mehr als einen Dollar zu verkaufen… Dann deswegen: Es lohnt sich, wenn die Käuferin in der eigenen Sales Machine landet und irgendwann im Laufe ihrer Customer Journey weitere Produkte oder vielleicht sogar ein teures Coaching kauft.


Für mich schießen sich die teilnehmenden Anbieterinnen damit selber ins Knie: Sie preachen zwar immer, dass man sich als angehendes Bossbabe nicht unter Wert verkaufen soll, verschleudern dann aber ihr eigenes Produkt. Sie wollen dich angeblich in deiner eigenen entrepreneurial journey unterstützen, stoßen dich aber mit dem Kopf voran in eine fucking Lagerhalle voller Shiny Objects und Ablenkungen.

Richtig unangenehm wird es, wenn die Promophase nicht nur in eine Pandemie fällt, sondern auch in eine Woche, in der global über Polizeigewalt, Rassismus und Diskriminierung debattiert wird. Tja, da wird die Verkaufs-Grafik halt zwischengeschoben:

Einige Beteiligte, deren Links ich gestern rausgesucht hatte, haben ihre Beiträge zum Bundle schon wieder gelöscht. Tja, richtig schade, dass dieses ~ tolle ~ Angebot jetzt untergeht, weil man sich aus verkaufspsychologischen Gründen für eine unnötige Deadline entschieden hat und diese jetzt abläuft, ohne marketingmäßig so richtig aufgedreht zu haben. Wirklich schade. Ihr wisst ja, once in a lifetime.

Shut up und take my money!

P.S.: Einer der Gründe, diesen Beitrag zu schreiben ist, mich selber vom Kauf dieses Bundles abzuhalten, weil 99 fucking Prozent einfach so verlockend sind!!

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